Superspreader der Liebe

21. Jan. 2021 | Allgemein

Eine Weihnachtsgeschichte von Claudia Mönius.

Zum Weihnachtsfest im Jahr 2020 begab sich etwas Wundersames. Noch im Advent waren die Menschen ziemlich durcheinander, weil die ganze Welt in diesem Jahr von einem unheilvollen Virus geplagt worden war. Landauf landab lagen die Nerven blank und niemand wusste, wie er sich und seine Lieben in der kommenden Zeit würde bei Laune halten können. Auch die Weihnachtsvorbereitungen liefen bei vielen Menschen anders, oft ruhiger und innerlicher, mit weniger Stresskäufen oder Hetze von einer zur anderen Weihnachtsfeier und kaum einem feucht-fröhlichen Glühweinbesäufnis. Selbst in den Ländern, die bislang einigermaßen gut durch die Krise gekommen waren, war die Stimmung gedrückt. Wie sollte das weitergehen, wenn sich alle im Neuen Jahr weiterhin so miserabel fühlen würden?

Es kam der Weihnachtsabend und mit ihm ein völlig unerwartetes Geschehen. Eine Vielzahl von Menschen schien urplötzlich von einem neuartigen Virus befallen, das in ihnen offenbar das Beste zutage förderte, was sie in sich trugen. Von einem auf den anderen Moment wandten die Infizierten den Blick weg von ihrem Bauchnabel hin zu anderen Menschen, denen es schlechter zu gehen schien als ihnen selbst. Geschäftsleute, die an der großen Krise dieses Jahres kräftig verdient hatten, zückten ungefragt ihre Kreditkarten und fragten kleine Händler, wie viel sie bräuchten, um die nächsten Monate gut überstehen zu können. Die Pharmakonzerne, die in großen Mengen Impfstoffe gegen das erste Virus produziert und verkauft hatten, stellten ihre daraus resultierenden Gewinne für die notleidende Kunst- und Kulturszene zur Verfügung. Die Unternehmen, die an der Produktion von Masken und anderer Schutzausrüstung gut verdient hatten, gaben ihre Überschüsse unbürokratisch an Freiberufler und Soloselbstständige ab, völlig unabhängig vom Ansehen der darunter vertretenen Berufe. Prostituierte und Nachtclubbetreiber wurden ebenso unterstützt wie Reiseleiterinnen, Yogalehrer oder Straßenmusikanten.

Die Politik stand vor einem Rätsel: Wo um alles in der Welt kam dieses Virus her und auf welche Weise übertrug es sich? Topmanager von Großkonzernen gerieten in helle Panik. Was würde passieren, wenn sie sich infizierten? Reihenweise begaben sie sich freiwillig in Quarantäne, denn sie hatten eine Heidenangst vor diesem bedrohlichen Erreger, der sie im schlimmsten Fall dazu bringen könnte, die Unsummen, die sich auf ihren Konten auftürmten, kurzerhand zu verschenken. Doch inzwischen wurde bekannt, dass sich bereits Großaktionäre angesteckt hatten, die seit mehr als vierzehn Tagen ihre Luxussuiten nicht mehr verlassen hatten! Auch sie teilten plötzlich aus vollem Herzen aus, nicht nur innerhalb ihres eigenen Landes, sondern sie richteten den Blick weit hinaus über die Grenzen und suchten nach den Ärmsten der Armen, um ihnen mithilfe ihres Reichtums ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Nun begannen die ersten Milliardäre, sich vollständig zu verbarrikadieren. Sie trugen Schutzanzüge und FFP2-Masken und wickelten ihre lukrativen Finanztransaktionen ausschließlich aus ihren zu Hochsicherheitstrakten umgerüsteten Büroräumen heraus ab. Als Wissenschaftler erste Vermutungen anstellten, das Virus würde über die Augen übertragen, gab es in Windeseile überall auf der Welt Lieferengpässe bei Sonnenbrillen und dunklen Schutzbrillen, aber überraschenderweise fand sich niemand, der seine Produktion auf dunkle Brillen umstellte, um sich an dem damit zu erzielenden Profit zu bereichern. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass auch die Brillen nichts nutzten; die Forscher hatten den Präventionseffekt überschätzt. Als schließlich bekannt wurde, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos dem Welternährungsrat Generalvollmacht für all seine Privatkonten übertragen hatte mit der Bitte, die dort gebunkerten Milliarden unter den Armen aufzuteilen, war auch dem letzten klar: Gegen dieses Virus war kein Kraut gewachsen.

Auch diejenigen, die kein Geld zu verschenken hatten, waren nicht gefeit gegen den neuartigen Erreger. Sie begannen, anderweitig Geschenke zu verteilen: Leute, die sich vorher lautstark über die Kriseneinschränkungen beschwert hatten, boten Besuchsdienste in Pflegeheimen an. Jugendliche hingen nicht mehr gelangweilt vor dem Computer ab, sondern gaben Online-Nachhilfeunterricht für Kinder, die mit dem Distanzunterricht schlecht zurechtkamen. Schon aus der Ferne waren die Häuser und Wohnungen der Infizierten zu erkennen, denn sie alle schleppten hochwertige Güter vor die Türen und beschrifteten Kiste um Kiste mit der Aufschrift: „Nimm, was du brauchst!“

Die Staats- und Regierungschefs trafen sich regelmäßig, um Maßnahmen zur Eindämmung dieses offenbar brandgefährlichen Erregers zu beschließen. Zwar passierte durch die neue Infektion auf den ersten Blick nichts wirklich Schädliches, aber die Mächtigen hatten das Gefühl, die Menschen würden dadurch in seltsamer Weise außer Rand und Band geraten und seien nicht mehr beherrschbar. Doch egal, was die Regierenden sich ausdachten, nichts schien zu fruchten. Nächtliche Ausgangssperren wurden ignoriert, schützende Augenbinden falsch oder gar nicht getragen, ein eilends verfügtes Beschenkungsverbot von den Verfassungsgerichten als unrechtmäßig gekippt. Obwohl auch die Politikerinnen und Politiker ihre Kontakte extrem reduziert hatten und ihre Konferenzen ausschließlich per Videoschalte stattfanden, infizierten sich nach kurzer Zeit auch Regierungschefs, darunter einige führende Köpfe der EU. Plötzlich war vieles möglich, was man sich vorher nicht hätte träumen lassen: Die Flüchtlingslager an den EU Außengrenzen und innerhalb der EU wurden geräumt und die geflüchteten Menschen konnten frei wählen, in welchem sicheren Land sie solange leben wollten, bis sie in ihre geliebten Heimatländer zurückkehren konnten. Da sich auch in den Kriegs- und Krisengebieten Menschen infiziert hatten, schwiegen dort die Waffen und in alle Welt wurden Bilder von ehemals verfeindeten und sich nun umarmenden Kriegsparteien übertragen. Durch diese emotionsgeladenen Körperkontakte stieg die Zahl der Infizierten in den Brandherden auf Rekordwerte an und es zeichnete sich ab, dass auch nach Abflachen des Infektionsgeschehens die Kämpfe nicht wiederaufgenommen werden würden, weil einmal Infizierte nicht mehr für Kriegshandlungen zu gewinnen waren. Zu sehr genossen alle Beteiligten die Versöhnung und die ruhige, fried- und liebevolle Atmosphäre. Damit war klar, dass die Flüchtlingsströme nur ein vorübergehendes Geschehen sein würden und dass Migrantinnen und Migranten in Kürze wieder in ihre Heimatländer würden zurückkehren können.

Erstaunlicherweise erzeugte das fremdartige Virus nicht nur Mitgefühl mit anderen Menschen, sondern auch mit der ganzen Schöpfung. Ehemalige Schlachthofbetreiber begannen sich im Tierschutz zu engagieren, Manager von Chemiekonzernen stellten die Produktion auf biologische Düngemittel um. Selbst Brasiliens Staatschef Bolsonaro erließ unmittelbar, nachdem er sich infiziert hatte, ein Verbot zur Abholzung des Regenwaldes, das mit sofortiger Wirkung in Kraft trat. Dieses neue Gesetz wurde von Rinderzüchtern, Holzfällern und Bodenspekulanten nicht nur klaglos akzeptiert, sondern sie gründeten eilends ein Konsortium, das sich die Wiederaufforstung des Amazonasgebietes und weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Klimakatastrophe und zur Linderung der Not der indigenen Völker auf die Fahnen schrieb. Überall in den Industrieländern ließen die Menschen ihre riesigen Geländewagen stehen und gingen zu Fuß, die Flugzeuge blieben auf dem Boden, Kreuzfahrtschiffe ankerten in Häfen und wurden umfunktioniert zu schwimmenden Herbergen für Obdachlose. Erstaunlicherweise konnte das erste Virus, das die Welt das ganze Jahr über in Aufruhr versetzt hatte, nun nicht mehr nachgewiesen werden, so dass alle wieder enger zusammenrücken konnten. Es schien nicht mehr gebraucht zu werden.

Die Welt war wie im Liebesrausch, alle wurden zu Superspreadern der Liebe und niemand begriff, woher dieser völlig unvorhergesehene Bewusstseinswandel gekommen war. Fast niemand. Es war ein Kind, das plötzlich ausrief: „Ich weiß, was passiert ist! Die Menschen haben in die Krippe geschaut. Dort haben sie die reine Liebe nicht nur gesehen, sondern tief eingelassen in ihr Herz.“ Die Eltern des kleinen Mädchens sannen darüber nach und erkannten, dass ihr Kind recht hatte: Alle Infizierten hatten in irgendeiner Form das Kind in der Krippe gesehen. Manche im eigenen Wohnzimmer oder in einer Kirche, in einem Laden oder sogar nur im Fernsehen, auf dem Computerbildschirm oder dem Smartphone. Deshalb hatte alles Daheimbleiben und sich Verbarrikadieren nichts genutzt! In diesem Jahr ging eine so starke Ausstrahlung von dem menschgewordenen Göttlichen aus, dass niemand, der es erblickte, sich gegen seine Botschaft der allumfassenden Liebe wehren konnte. Das war der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Das Zeitalter der Liebe hatte begonnen und es sollte für viele tausend Jahre nicht mehr enden.

Claudia Mönius, www.mutmacherei.de

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